
Was gestern noch greifbar war, kann morgen schon für immer verschwunden sein. Es ist unsere Aufgabe, diese Bruchstücke der Vergangenheit zu bewahren und die Erinnerung für die Zukunft festzuhalten.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf setze ich meinen Spaziergang über den Friedhof von Löwenberg fort. Während wir im ersten Teil die großen Monumente betrachtet haben, führen mich meine Schritte heute in die stillen, fast vergessenen Winkel.
Zwischen Moos und Märzsonne
berall an den Rändern, tief in den Ecken des Geländes, finden sich die Grabsteine derer, die hier einst lebten. Ich halte inne und lese die Namen, die langsam mit dem Stein verschmelzen: Tilz, Rolle, Meyer.
Es sind einfache Steine, oft vom Efeu umarmt oder von Flechten überzogen. In der warmen Märzsonne wirken sie wie stumme Wächter einer Zeit, die wir nur noch erahnen können. Jeder dieser Namen steht für ein Schicksal, das es verdient, heute noch einmal genannt zu werden – bevor der Wind und der Regen die Buchstaben endgültig glätten.
Die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln
Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich suche, wenn ich vor diesen verwitterten Steinen stehe. Es ist eine Sehnsucht, die ich nur zu gut verstehen kann – auch wenn meine eigene Geschichte in eine andere Himmelsrichtung weist.
Könntest du mir glauben, dass ich niemals an dem Ort war, an dem meine Eltern geboren wurden? Nach 1945 verschoben sich die Grenzen, und die Menschen mussten ihre Heimat in den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach und nach verlassen. Was hätte ich darum gegeben, nur einmal die Luft dort einzuatmen, die weiten Ackerlandschaften zu bewundern oder die dichten Wälder zu durchstreifen, in denen einst Wölfe heimisch waren.
Viel Verwandtschaft zog damals nach Wilno – eine Stadt, die heute auch nicht mehr zu Polen gehört, die ich aber als Kind oft besuchte und tief in meinem Herzen trage. Doch heute träume ich von Wanderungen durch die eigentlichen Geburtsorte meiner Ahnen.
Das Internet macht vieles möglich. Ich kam sogar mit jemandem in Kontakt, der heute dort lebt. Er versprach mir Fotos, doch dann brach der Kontakt abrupt ab. Vielleicht war die Sorge vor dem Austausch mit dem Ausland zu groß; dort ist solch ein Kontakt oft nicht gern gesehen.
Wer Vorfahren in Niederschlesien oder Preußen hat, hat es heute oft leichter, die Spuren zu finden. Doch die Ungewissheit bleibt. Oft frage ich mich selbst: Was hättest du erwartet? Du findest vielleicht nur ein paar Steine im Moos. Das Haus steht längst nicht mehr. Man sucht nach etwas, das physisch nicht mehr existiert. Bedeutet das nur, alte Wunden aufzukratzen?
Vielleicht. Aber dieses „Wundenkratzen“ ist auch ein Beweis dafür, dass die Verbindung noch lebt. Dass wir nicht vergessen haben, woher wir kommen. Vielleicht ist das der Grund, warum ich hier in Löwenberg so lange verweile. Ich stehe hier stellvertretend für jene, die nicht kommen können.
Wenn sich Zeiten ein Grab teilen
Auf dem Foto( unten, links) siehst du es ganz deutlich: Das prunkvolle Erbbegräbnis der Familie Beyer. Ein massives Denkmal aus deutschem Stein, geschaffen für die Ewigkeit. Doch wer genau hinsieht, entdeckt die neue Tafel mit dem polnischen Namen Zamara.
Es ist ein bewegender Anblick. Hier verdrängt die Gegenwart die Vergangenheit nicht, sie bettet sich in sie ein. Die Familie Zamara hat diesen Ort gewählt, und der alte Stein der Familie Beyer gibt ihnen den Rahmen. Es ist, als würden sich hier zwei Geschichten, zwei Völker und zwei Jahrhunderte friedlich denselben Platz teilen.
Ein anderes Denkmal Familie Scholz hält mich ebenfalls fest. Es hat eine Form, die mich unwillkürlich an eine Weihnachtskugel erinnert – eine kostbare Kugel, in deren Innerem eine eigene, stille Welt eingefroren scheint. In der klaren Märzsonne fängt der Stein das Licht auf eine Weise ein, die fast zerbrechlich wirkt. Es ist ein seltsamer Kontrast: Diese prachtvollen Bauten, geschaffen für die Ewigkeit, und daneben die namenlosen Steine, die langsam im Erdreich versinken. Doch am Ende eint die Märzsonne sie alle.









Die Zeit drängt und für die Gassen der Stadt bleibt heute kein Raum mehr. Doch kurz vor der Abreise hält mich am Bahnhof ein letzter Anblick fest: An einer Hauswand verblasst eine deutsche Schrift. Man erkennt noch das Wort„Waren…“–Vielleicht Warenausgabe oder Warenlager. Kannst Du es lesen? Ich versuche zu recherchieren, und vielleicht finde ich etwas.
Es geht mir nicht darum, Dich zu einer Reise nach Löwenberg oder Hirschberg zu überzeugen. Doch in fast jedem niederschlesischen Ort findest Du sie: diese leisen Spuren der Geschichte, die zum Innehalten einladen.
Danke, dass Du mich auf diesem Weg begleitet hast.
Deine Edyta




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