Über Liebe, Vergessenheit und überbackene Tomaten

Überbackene Tomaten, gefüllt mit Pilzen und Käse.

Heute gibt es köstliche überbackene Tomaten, gefüllt mit Pilzen und Käse. Wenn Du keine Pilze aus den schlesischen Wäldern hast, nimm einfach Champignons. Auch sehr lecker.

Komm mit auf einen herbstlichen Spaziergang. Ich erzähle Dir eine Geschichte. Über die Liebe. Und die Vergessenheit…

Ich nehme Dich mit zu den sieben Linden einem vergessenen Grab am Wegrand. In Niederschlesien ( in Polen) stößt man überall auf diese alten deutschen Denkmäler. Alte Gedichte, für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Grabschriften.

Ein Ort, der verschwindet

Wenn Du heute hier stehst, siehst Du keine sieben Bäume mehr. Es ist alles wild verwachsen. Kaum noch zu erkennen. Die alten Linden schweigen. Die eine oder andere hat wohl der Blitz getroffen. Andere starben vor Altersschwäche. Die Natur holt sich das Land unaufhaltsam zurück.

Hastig fahre ich mit den Fingern über den kalten Sandstein. Ich versuche, die verwitterten Buchstaben zu entziffern. Ich suche nach etwas Unbestimmtem. Es ist, als würde sich in dieser alten Schrift ein Geheimnis verstecken. Ein Rätsel. Eine Lebensweisheit, die man unbedingt verstehen muss. Etwas, was noch keiner gesehen hat, aber das man unbedingt entdecken muss, bevor es ganz verschwindet. Es macht mich unruhig. Und fast traurig.

Die Spuren im Stein

Wenn man den verwitterten Stein genau betrachtet, liest man eine Geschichte in Bruchstücken. Auf der Vorderseite steht ein altes Gebet:

„O Jesu laß dein Sterben
für uns gesegnet seyn!
Führ uns als deine Erben
Mit dir in Himmel ein!“

Darunter steht, dass die Gücklichschen Eheleute diesen Ort im Jahr 1854 liebevoll renoviert haben. Das Wort „Gücklichschen“ ist ein historischer Schreibfehler des Steinmetzes aus dem Jahr 1854 oder eine alte Schreibweise! Gemeint war in Wahrheit die Familie Gürlich. Doch die eigentliche Geschichte beginnt noch viel früher. Sie führt uns zurück in das Jahr 1810. Auf einer Seite steht der Name des damaligen Pfarrers, Joseph Hildebrand. Er half einer trauernden Frau.

Das Geheimnis des Nachbardorfs

Es war eine Witwe. Der Stein nennt auf den Seiten zwei Namen: Ignatz Scharfenberg und Joseph Schneider. Auf dem Stein steht, dass sie aus dem Nachbardorf Märzdorf stammten. Zwei Menschen, die sie kurz nacheinander verlor.

Es ist kein echtes Grab. Man durfte die Toten damals nicht einfach am Feldweg vergraben. Ihre Körper ruhen wohl auf dem Friedhof im Nachbardorf. Aber die Witwe wollte ein Denkmal, das sie jeden Tag sehen konnte. Sie wollte einen Ort ganz für sich. Pfarrer Hildebrand gehörte dieses Stück Land. Er erlaubte ihr, hier am Wegrand dieses private Kreuz aufzustellen.

Ganz auffällig ist, dass Ignatz Scharfenberg und Joseph Schneider unterschiedliche Nachnamen hatten. [1]

Wenn man sich die Lebensdaten anschaut, ergibt sich ein anderes, sehr wahrscheinliches Bild:

  • Ignatz Scharfenberg: geboren 1738, gestorben 1806 (er wurde 68 Jahre alt)
  • Joseph Schneider: geboren 1763, gestorben 1809 (er wurde 46 Jahre alt) [1]

Da Ignatz Scharfenberg der Ehemann der Witwe war, könnte Joseph Schneider vom Alter her tatsächlich ihr jüngerer Bruder gewesen sein. Oder, was damals durch Wiederverheiratung nach frühem Tod sehr häufig vorkam: Er war ihr Sohn aus einer ersten Ehe, weshalb er den Namen seines leiblichen Vaters (Schneider) trug, während sie später den älteren Scharfenberg heiratete.

Egal wie sie genau miteinander verwandt waren: Sie waren die beiden engsten Bezugspersonen, die dieser Frau im Leben Halt gaben – und sie verlor beide innerhalb von nur drei Jahren. Das erklärt, warum ihr Schmerz so unendlich tief war, dass sie diese Linden pflanzte, um für beide Männer gleichzeitig ein Denkmal zu schaffen

Eine Liebe gegen das Vergessen

Stell dir diese Frau vor. Sie blieb ganz allein zurück. Doch ihre Liebe war mächtiger als der Tod. Sie war größer als die Angst vor dem Vergessen. Sie schuf sich hier, an ihrem alltäglichen Wegrand, ihren ganz privaten Ort der Trauer.

Sie setzte den Stein. Und sie pflanzte damals die sieben Linden.

Was für eine Liebe war das. Jede einzelne Linde war ein grünes Versprechen. Ein Dach aus Blättern, das ihren Schmerz sanft in den Himmel tragen sollte. Wenn der Wind durch die Kronen strich, war es wie ein Echo ihrer Zärtlichkeit. Sie wollte ihren Liebsten ein lebendiges Denkmal setzen. Bäume, die für sie weiteratmen und im Wind flüstern, wenn ihre eigenen Kräfte schwinden.

Was am Ende bleibt

Heute schweigen die Bäume. Das Kreuz ist fort. Der Stein zerfällt. Aber die Liebe von damals ist immer noch spürbar.

Ich komme unglaublich gerne hierher. Aus dem Feld nebenan sieht man in der Ferne die Schneekoppe am Horizont thronen. Dieser majestätische Ausblick tröstet und beruhigt.

Sieben Linden bei Lähn in Niederschlesien.
„O Jesu laß dein Sterben/ für uns gesegnet seyn! / Führ uns als deine Erben/ Mit dir in Himmel ein!“
Denkmal an Sieben Linden bei Lähn in Niederschlesien in Polen.

Und warum hat ausgerechnet das Ehepaar Gürlich 44 Jahre nach dem Bau des Denkmals die Restaurierung bezahlt?Ich grüble nach. Um im Jahr 1854 eine solche private Steinmetzarbeit und die Restaurierung eines Denkmals zu bezahlen, musste man ein gewisses Vermögen besitzen. Entweder waren sie mit der namenlosen Witwe (der Familie Scharfenberg oder Schneider) direkt verwandt, vielleicht als Enkel oder Nichten. Oder sie hatten später das Landgut in Arnsberg übernommen und sahen es als ihre ehrenvolle Pflicht an, diesen besonderen Liebesort auf ihrem Grund und Boden vor dem Verfall zu retten.

Alter deutscher Denkmal vom 1810 in Niederschlesien in Polen.
Ein Steiniger Weg und etwas von Wanderschuhen zu sehen und rechts die Schneekoppe in Weite.
Die Schneekoppe…
Fliegepilz und rechts  ein Birkenpilz im Gras.
Bei der Pilzsuche bitte nichts verwechseln. Wer sich nicht auskennt, soll sofort zu den Champignons greifen!
Überbackene Tomaten, gefüllt mit Pilzen und Käse.

Überbackene Tomaten mit schlesischen Pilzen

Ofengericht, Vorspeise
Serves: 2 Personen

Saftige Tomaten aus dem Ofen, gefüllt mit einer würzigen Pilzmischung und mit einer goldbraunen Käseschicht überbacken. Als Vorspeise oder leichter Snack.

Ingredients

  • 4 große Tomaten (fleischig)
  • 250 g Pilze (frische, vorher gut gekochte Waldpilze oder rohe Champignons)
  • 1 kleine Zwiebel
  • 1 Knoblauchzehe
  • 100 g geriebener Käse (Gouda oder ein würziger Bergkäse)
  • Etwas Butter zum Anbraten
  • Salz, Pfeffer und frische Kräuter

Instructions

1

Den Deckel der Tomaten abschneiden, mit einem Löffel vorsichtig aushöhlen und das Fruchtfleisch beiseitestellen.

2

Die gekochten Waldpilze oder die rohen Champignons sowie die Zwiebel in kleine Würfel schneiden und den Knoblauch fein hacken.

3

Etwas Butter in einer Pfanne erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch darin glasig anbraten, die Pilze dazugeben und alles kräftig dünsten.

4

Ein paar Löffel vom Tomateninneren hinzufügen, die Pfanne kräftig mit Salz und Pfeffer würzen und die gehackten Kräuter untermischen.

5

Die Tomaten in eine Auflaufform setzen, die Pilzmischung hineinfüllen und den geriebenen Käse großzügig darüberstreuen.

6

Die Tomaten für etwa 15 bis 20 Minuten bei 180 Grad bis der Käse goldbraun und herrlich geschmolzen ist.

Notes

Streue direkt vor dem Servieren frisch geschnittenen Schnittlauch über die heißen Tomaten. Die feine, leicht scharfe Zwiebelnote passt perfekt zu den warmen Waldpilzen und dem geschmolzenen Käse.

Dolce Vita bedeutet für mich auch das. Innehalten. Die Vergänglichkeit spüren. Denen gedenken, die vor uns da waren…

Edyta

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4 Comments

  • Reply
    Barbara
    5 Oktober 2026 at 10 h 50 min

    Hallo Edyta,
    mir war gar nicht bewusst, dass Du in Polen lebst! Eine wunderschöne Region, denke ich! Ich bin nur mal vor 5 Jahren kurz in der Gegend herumgefahren und erinnere mich an wunderschöne kleine Dörfer mit Störchen und tolle Natur. Das war damals noch Corona-Zeit und ich hatte mir vorgenommen, mal länger hinzufahren. Habe mir auch gleich einen Niederschlesien-Reiseführer gekauft. Aber irgendwie hat’s seitdem nicht mehr geklappt. Dabei sind es von zuhause bis Wrocław nur 500 km (ganz genau), da fahre ich innerhalb Deutschlands oft weiter.
    Tolle Pilze! Und eine schöne Geschichte – ich glaube ja, dass echte Liebe nie vergeht.
    Liebe Grüße
    Barbara
    P.S.: Meine Tour damals: https://barbaras-reisen.blogspot.com/2021/07/kleine-dreilander-rundtour-nach-wrocaw.html
    In der Friedenskirche in Świdnica war alles auf Deutsch – und ich war vielleicht der einzige Besucher dort, der das lesen konnte.

  • Reply
    Edyta
    5 Oktober 2026 at 17 h 45 min

    Hallo Barbara,
    ja, ich bin zurück zu meinen Wurzeln gekehrt und habe meine ganz persönliche Einöde gefunden. In Niederschlesien findet man wirklich noch überall die alten deutschen Spuren und Schriften. Ich versuche auf dem Blog genau diese Stellen zu zeigen, die in keinem Reiseführer stehen – weit abgelegen und touristisch überhaupt nicht interessant. Man könnte sagen, einfach ein Haufen alter Steine. Nur warum finde ich das bloß so interessant? Vielleicht ist das genau die Magie der Liebe, die man hier noch spürt? Danke schön für Deinen lieben Kommentar und natürlich besuche ich Deine Seite. Irgendwie ist mir Deine Tour damals entgangen.
    Liebe Grüße
    Edyta

  • Reply
    Barbara
    6 Oktober 2026 at 10 h 45 min

    Hallo Edyta,
    es ist eine wunderschöne und sehr interessante Ecke, definitiv. Ich mag auch solche Besonderheiten oder auch Normalitäten fast mehr als die großen Sehenswürdigkeiten, die jeder auf seiner Bucket List hat (ich habe keine). Mich interessiert das normale Leben der Menschen – in Japan bin ich fast als erstes in ein Wohngebiet, erinnere ich mich. Vor vielen Jahren bin ich in den Frankenwald gezogen, das ist auch so ein Kleinod oder Geheimtipp, wenig Touristen, wenig besiedelt, tolle Wege zum Entdecken der Natur und ab und zu alte aufgegebene Höfe oder Bildstöcke (hier Marterln genannt). Dahinter hängt oft eine tragische Geschicht. Manches ist eingewachsen. Vielen fehlt die Zeit, sich darauf einzulassen. Ich nehme sie mir manchmal und finde das fast meditativ, im Gegensatz zu dem Chaos und der Hektik des täglichen Lebens und Jobs.
    Danke auch für Deine lieben Kommentare auf dem Reiseblog.
    Alles Gute für Dich! Polen ist so ein tolles Land, genieß es!
    Wenn ich je mal wieder hinfahre, melde ich mich vielleicht, wenn ich darf?
    Liebe Grüße
    Barbara

    • Reply
      Edyta
      7 Oktober 2026 at 6 h 36 min

      Liebe Barbara,
      danke schön für Deinen Kommentar.Tatsächlich, es ist wirklich schön hier. Momentan bin ich komplett im Camino-Modus und vergesse eigene Ecke total. Das Fernweh zieht uns weit weg nach Spanien oder sonst irgendwohin und man findet keine Zeit für die Heimat. Aber ich werde auf jeden Fall deinen Reiseblog besuchen, da gibts bestimmt sehr viel zu entdecken. Selbstverständlich kannst Dich bei mir melden. Gerne 🙂
      Herzliche Grüße Edyta

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