Deutsche Gräber in Löwenberg(Teil 1)

Alter Grabstein auf dem Friedhof mit der Anschrift:Seiner Gattin Jacobine geb. Ouden
Widmete dieses Denkmal
Johann Heinrich Liepner
Senator zu Loewenberg.

Heute nehme ich Dich mit nach Löwenberg in Polen (Lwówek Śląski). Wir spazieren über einen Friedhof, auf dem die Geschichte noch sehr präsent ist. Hier finden sich noch einige alte deutsche Gräber – vom Zahn der Zeit gezeichnet, halb vergessen und tief im Gestern verwurzelt. Die Fastenzeit ist für mich mehr als nur Verzicht. Es ist eine Zeit der Reflexion, des Nachdenkens über die eigene Vergänglichkeit und eine Phase der inneren Einkehr. In diesen Wochen zieht es mich oft an Orte, an denen die Welt ein wenig langsamer atmet.

Spurensuche in Löwenberg: Wo die Zeit stillzustehen scheint

Für mich ist die Fastenzeit auch eine Zeit der besonderen Wege: Ich besuche gerne Friedhöfe. Moosbewachsener Stein, verblasste Inschriften und die Stille zwischen den alten Bäumen: Dieser Spaziergang in absoluter Ruhe erzwingt das Nachdenken fast von selbst. Es ist eine Begegnung mit dem Unausweichlichen, die gleichzeitig seltsam friedlich ist.

Während ich durch die Reihen schreite, lese ich die Namen auf den verwitterten Steinen: Hanke, Zimmer, Beier. Es sind Namen, die einst ein Echo in den Gassen dieser Stadt hatten, hinter denen Leben, Familien und Geschichten standen.

Ich habe das Gefühl, es ist fast der letzte Moment, um Dich gedanklich hierher mitzunehmen. Die Natur holt sich ihren Platz zurück; bald wird der Stein so weit abgetragen sein, dass man die Buchstaben kaum noch entziffern kann. Wenn das Moos erst die letzte Kerbe füllt und der Regen die Kanten glättet, werden diese Zeugen endgültig verstummen.

Gerade dieser Verfall macht den Besuch so wertvoll. Er lehrt mich, dass nichts bleibt – außer vielleicht der kurze Moment der Aufmerksamkeit, den wir diesen Seelen heute schenken. Es ist ein Innehalten, das erdet. Es rückt die kleinen Sorgen des Alltags in ein neues Licht und lässt mich dankbar auf das blicken, was jetzt ist.

In der Stille von Löwenberg wird die Fastenzeit greifbar: Ein Abschied vom Lauten, ein tiefes Einatmen der Vergänglichkeit und die Erkenntnis, dass alles seine Zeit hat.

Das Hohberg-Mausoleum: Ein architektonisches Erbe

Wie gerne würde ich mehr über die Menschen erfahren, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Wer waren sie? Was hat sie bewegt? Doch die Spuren verwischen. Bei meiner Recherche stoße ich nur auf wenige Informationen.

Ein Lichtblick in der Suche nach der Geschichte dieses Ortes sind die Aufzeichnungen von Doris Baumert [hier ]. Durch sie erfahre ich mehr über das architektonische Herzstück des Friedhofs: das Hohberg-Mausoleum. Seit dem Jahr 1908 bildet dieser monumentale Bau, erschafft von dem Architekten Linus Peukert, den Mittelpunkt der Anlage. Es ist die letzte Ruhestätte der Brauerei-Familie Hohberg – ein beeindruckendes Zeugnis einstigen Wohlstands, das du unten auf den Fotos sehen kannst.

Doch während die Namen der wohlhabenden Familien in Stein und Chroniken überdauern, bleiben die anderen – die Hankes, Zimmers und Beiers – leise. Ich frage mich: Wer waren sie? Gibt es heute noch Verwandte? Wissen sie überhaupt, wo ihre Vorfahren ruhen?

Vielleicht liest dies jemand, der eine Verbindung zu diesen Namen spürt. Vielleicht möchte jemand einen letzten Blick darauf werfen, wie der Grabstein seiner Familie heute aussieht, bevor die Zeit ihn endgültig unlesbar macht.

Dieser Friedhofsbesuch ist für mich wie ein stilles Gebet in der Fastenzeit. Ein Moment, um das Vergessen aufzuhalten 

Friedhof in Löwenberg in März.

Vom Alter gezeichnet – die Inschrift auf dem ersten Foto:

Seiner Gattin Jacobine geb. Ouden
Widmete dieses Denkmal
Johann Heinrich Liepner
Senator zu Loewenberg

In einem Nachruf, der 1788 in den „Schlesischen Provinzialblättern“ (S. 85) erschien, finden wir bewegende Details über das Leben der Frau, die hier ruht:

„Am 28. [Juni 1788 verstarb] in Löwenberg Frau Jacobine Liepner, geboren in Potsdam am 22. August 1750. Ihr Vater, Adrian den Ouden, königlicher Hof- und Meisterzimmermann, war von Friedrich Wilhelm I. aus Holland geholt worden. Ihre Eltern ermöglichten ihr eine exzellente Erziehung. Am 2. Februar [1769] heiratete sie Herrn Liepner, der damals Senator in Löwenberg war.

Im Jahr 1774 erlitt sie durch einen Sturz in einen tiefen Keller so schwere Verletzungen, dass man sie bereits für tot hielt. Ein halbes Jahr später erkrankte sie an einer so bösartigen Form der Pocken, dass selbst die berühmtesten Ärzte in Potsdam keine Hoffnung mehr sahen. Ihre Genesung grenzte an ein Wunder. Schließlich jedoch setzte ein zehrendes Nervenfieber und ungewöhnliche Krämpfe dem Leben dieser wunderbaren Frau ein Ende und trennte eine Ehe, die als Vorbild häuslichen Glücks galt.“

Das Grabmal der Familie Ertner in Form eines Baumes auf dem Friedhof in Löwenberg.

Das ungewöhnliche Grabmal de rFamilie Ertner. Das Denkmal ist einem Baumstamm nachempfunden, dessen Äste als steinernes Stammbaum-Motiv gestaltet sind. Kleine Steintafeln an den Zweigen tragen die Namen von Vorfahren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Am Hauptstamm ist die Inschrift für Paul Ertner († 1919) angebracht.

Alte Grabsteine auf dem Friedhof in Löwenberg in Polen.
Friedhof in Löwenberg,das Hohberg-Mausoleum im März.

Ich möchte bei diesem Rundgang diskret bleiben und die Ruhe der Toten sowie die Privatsphäre möglicher Nachfahren achten. Dennoch ist es mir ein Anliegen, dir etwas von der ganz besonderen Atmosphäre dieses Ortes zu zeigen.

Diskreter Blick auf das Hohberg-Mausoleum in Löwenberg/Lwowek Slaski in Polen.
Links: diskreter Blick auf das Hohberg-Mausoleum.
Deutsche Grabsteine in Löwenberg in Niederschlesien.

Die Fotos, die du hier siehst, sind bewusst ohne Retusche. Sie sind vielleicht etwas karg, ungeschönt und rau, aber genau das macht sie ehrlich. Sie spiegeln den tatsächlichen Zustand dieses Ortes wider – ohne Filter, so wie die Zeit ihn geformt hat.

Namenloser Grabstein auf dem Friedhof in Löwenberg.

Begleite mich auf einem Spaziergang in der Märzsonne, die die alten Steine für einen Moment lang wärmt. Weil es so viel zu entdecken und zu erfühlen gibt, lade ich Dich heute ein, erst einmal den ersten Schritten dieses Weges zu folgen.

Leise…komm mit,

Edyta

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